Aufgrund einer Sperrfrist konnten wir bisher leider nicht öffentlich darlegen, dass die Einladung auf P&G zurückgeht, was wir hiermit nun offiziell nachholen. Inzwischen sind auch Olympische Spiele so kommerziell, dass das IOC mit seinen Sponsoren harte Richtlinien auslegt. Dabei geht es nicht immer nur noch um den Sport, sondern auch um einen Haufen Kohle.

Nichtsdestotrotz freute ich mich riesig endlich Russland bereisen zu dürfen, obwohl ich mit der russischen Politik und Putins Sicht auf die Welt einen gemeinsamen Nenner habe, der so groß wie ein Stecknadelkopf ist. Doch ich wollte mir ein eigenes Bild machen und trat die Abenteuerreise in bester Gesellschaft und mit einer großartigen Reisetruppe aus P&G Gewinnspielgewinnern und den drei weiteren Bloggern Milos, Jens und Ronny an. Was sich im Nachhinein als Glücksgriff und supersympathische Gruppe herausstellte.

Meine Erfahrungen an diese sechs Tage in Russland sind so bunt und schön, dass ich sie gar nicht wirklich in Worte oder Bilder fassen kann. So viele tolle Begegnungen, Herzlichkeit und Offenheit ist mir in den Tagen begegnet. Ich habe unglaublich viel gelacht und denke gerne an diese Randmomente außerhalb der Stadien – meine persönlichen Momente – der Spiele zurück. Es gab Augenblicke, wo ich dachte, eigentlich kann die Welt doch ein sehr gemeinschaftlicher Ort sein. Momente, an denen ich mich so sehr in das zwischenmenschliche Drumherum der Spiele verliebte, dass ich heute nicht nur sehr gerne darauf zurückblicke, sondern jedem Menschen auf dieser Welt wünsche, dass er es einmal selbst erfahren kann! Ähnlich groß ist allerdings auch meine Hoffnung, dass der IOC mit seinen teils absolut unverständlichen Entscheidungen es nicht schafft, den Olympischen Spielen auf Dauer ihre Magie zu nehmen und aus dem Weltevent eine rein kommerzielle Massenveranstaltung ohne sportlichen Geist, Menschlichkeit und Solidarität macht. Wenn ihr das hier lest, wisst ihr, was ich meine. Um nur eine der wirren Entscheidungen des IOCs zu nennen.

Bei all der Freude und meiner unfassbar bereichernden Zeit in Russland im Umfeld der Olympischen Spiele darf allerdings auch nicht vergessen werden, welche riesigen Opfer dieses Land für die Spiele erbrachte und das auch in Zukunft weitere Opfer von weiteren Nationen auch für Weltmeisterschaften und andere Großevents erbracht werden, mit denen wir menschlich eigentlich alle nicht einverstanden sein können!

Ausführliche Berichte meiner Zeit in Sotschi habe ich bereits während und nach der Reise auf meinem persönlichen Facebook-Profil inklusive einiger Bilder veröffentlicht. Diese Berichte könnt ihr jederzeit gerne hier, hier, hier, hier und hier nachlesen und Eure Meinung und per Kommentar hinterlassen.

Was die mitreisenden Kollegen in Russland erlebt haben, könnt ihr bei Ronny auf Kraftfuttermischwerk, bei Jens auf Atomlabor und bei Milos und Maik auf Trendlupe nachlesen.

[flexiblemap address=“Sochi, Russland“ title=“Die XXII Olympischen Winterspiele in Sotschi“]


TAG 1 – Hallo Sotschi


Angekommen. Sotschi empfängt mich mild. In leichtem grau/braun. Die bunten Schilder für die Olympischen Winterspiele fallen sofort auf. An allen Ecken und Enden. Helfer und Sportler tragen bunte, neonfarbende Klamotten. Die Lufthansa-Maschine von Frankfurt wurde überwiegend mit Athleten und dem ARD-Team geteilt. Probleme: bisher keine. Visa, Besucherpässe. Alles geht durch. Noch ist es relativ leer hier. Die ersten kanadischen Besucher sind kurze Zeit später eingetroffen. Die Seitenstraßen im Stadtbezirk Adler erinnern mich eher an Ägypten. So richtig vom Olympia-Fieber fühle ich mich noch nicht angesteckt. Trotz Besucherpass, Olympia-Karten und allem, was dazu gehört. Überall patrouillieren Polizisten und Soldaten. Ein mulmiges Gefühl habe ich trotzdem nicht. Der Stimmung zwischen den Menschen und im Flieger hat es bisher auch nicht geschadet. Die richtigen russischen Sicherheits-Checks warten aber auch erst noch auf mich. Wir sollen uns schon einmal auf zwei bis drei Checks pro Veranstaltung einstellen. Englisch hilft hier sprachlich nur bedingt. Meist läuft es auf ein paar Begriffe und wildes gestikulieren hinaus. Dafür wird viel Gelacht. Wenn man sich schon nicht versteht, kann man es ja wenigstens mit Humor probieren.

Bereits hier im Vorort gibt es eine riesige Diskrepanz zwischen den Seitenstraßen und der hochgezogenen Strandpromenade. Nicht selten reiht sich hier der moderne Architekturbau an die noch nicht abgeschlossene Baustelle von nebenan. Ab Freitag soll es dann so richtig losgehen. Mit endlosen Menschenmassen! Ich bin gespannt. Mein Reisepass liegt irgendwo im Hotel und wird gerade „zur Sicherheit“ kopiert. Daran darf man sich hier wohl schon einmal gewöhnen. Wir bewegen uns auf Mitternacht zu und können vom Hotel noch den Booten beim patrouillieren auf dem schwarzen Meer zuschauen, während aus irgendeiner Richtung bereits seit Stunden laute Musik ertönt. Alles ist irgendwie ungewohnt, surreal – aber überaus interessant.

TAG 2 – Von Fußmärschen, Busfahrten und Sicherheitskontrollen

24.478 Schritte zählt mein Schrittzähler heute. Genauer gesagt macht es die iPhone-App „Moves“. Wahrscheinlich wird es mein All-Time-Record sein. Drauf eingestellt hatte ich mich schon irgendwie, als ich mich heute Morgen bei bestem Wetter vom Hotel zur Railway-Station auf den Weg mache. Mein Ziel ist Sotschi-Stadt.Oder auch Sochi-Center. Dort werden zwar keine Wettkämpfe ausgetragen, aber die City wollte ich am heutigen (freien) Tag doch schnell anschauen. Aus „schnell“ wurde allerdings nichts. Während meines Fußmarsches in Richtung Railway-Station sehe ich bereits die Kriegsschiffe am Horizont. Sie halten dort die Stellung. Ob amerikanische Unterstützung dabei ist, kann ich nicht sagen. Ob das gute Wetter wirklich natürlich ist, oder ob die Russen irgendwelche Chemikalien in die Wolken schießen, kann ich Euch auch nicht sagen. Ich würde es jedoch nicht ausschließen.

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Direkt vor dem Eingang des Bahnhofs von Adler hängen die Olympischen Ringe. Mit Blick auf das Schwarze Meer werden sie zu einem der sehr beliebten Fotomotive.

Nach dem entspannten Spaziergang an der Küste und durch ein paar Gassen komme ich auch relativ zielstrebig am Bahnhof von Adler an. Im Rucksack habe ich ein Kamerastativ und ein wenig Proviant für den Tag. Schließlich will ich nur durch die Stadt laufen. Mir ist bewusst, dass das Stativ durchaus Probleme machen kann, will es aber drauf anlegen. Die erste Sicherheitsschleuse ist kein Problem. Nach dem Scan geht es in den Bahnhof. Ein Bild von der Rolltreppe darf ich trotzdem nicht machen. Ein netter Beamter weist mich mit zu einem „X überkreuzten Armen“ darauf hin. Ich entschuldige mich und ziehe weiter. Der Ticketschalter ist leer. Hier stehen nur die Tresen. Hat Putin sich anders entschieden? Die Ansprechpartner an den Infopoints verraten es: „Train is for free“. Ich denke:“cool“. An der ersten Sicherheitsschleuse zum Zug darf ich dann jedoch erst einmal meine Getränke entsorgen. Die dürfen nämlich nicht mit in den Zug. Man tippt mit den Fingern auf irgendwelche russischen Regeln. Englisch versteht keiner der beiden ersten Kontrolleure und Antworten erst recht nicht. Ich trinke und akzeptiere. Ich frage nach dem Stativ. Und es scheint kein Problem zu sein. Also kommt alles aufs Band. Hinter der zweiten Schleuse muss ich den Rucksack öffnen. „No Tripod in Train“. Es sind die ersten beiden Russen, mit denen ich mich in Englisch unterhalten kann. Nach einem kurzen Plausch heißt es: „No tripod in train. But you can take the bus“. Die Getränke hole ich zwar nicht aus der Mülltonne, aber ich entscheide mich für den Bus. Es geht aus dem Bahnhof. Und wieder in den Bahnhof. Jeder zweite Infopoint erzählt etwas anderes. Englisch hilft bisher nirgends. Irgendwann sitze ich endlich im Bus. Linie 152 soll mich also nach Sotschi-Center bringen.

Es ist ein Linienbus und er unterscheidet sich nicht von unseren. Lediglich die Fahrerkabine ist abgetrennt mit Plexiglas. Außerdem gibt es kein Ticket. Es wird einfach nur der Rubel über den Tresen gereicht. Die 25 km kosten mich 70 Rubel, was ungefähr 1,50 Euro entspricht. Wir gurken und gurken.

Es gibt keine Ansagen im Bus und auch keine Schilder, die die Haltestellen auszeichnen oder ankündigen. Als wir uns von der Küste wegbewegen und auch die Straßenschilder nicht mehr „Sotschi Center“ anzeigen, fange ich an mich zu wundern. Es wird etwas unruhig im Bus. Der Busfahrer ruft ein paar russische Sätze in den Raum. Passagiere antworten. Ein paar Passagiere gehen zum Fahrer. Der Bus dreht und schlägt eine andere Richtung ein. Ich wunder mich, führe es aber einfach mal auf die neue Verkehrsführung zurück. Fast die komplette Infrastruktur wurde schließlich für die Olympischen Spiele überarbeitet. Vielleicht kennt der Fahrer die Wege noch nicht?

Im selben Augenblick spricht mich eine dunkelhaarige Russin an. „No Worries“…Scheinbar scheint mir die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben.

Genau damit lerne ich „Olga“ kennen. Ob Sie wirklich so heißt, weiß ich nicht. Jedenfalls spricht sie Englisch und outet sich als große Berlinliebhaberin. Wir quatschen etwas und sie gibt zu, dass die Sprachbarriere in Form von fehlenden Englischkenntnissen wohl eines der größten Probleme ist. Bereits im Bus gibt sie mir ein paar Tipps für meinen Aufenthalt und zeigt mir ein paar gute Straßen in Sotschi City. Ich folge ihrem Rat und wir trennen uns am Busbahnhof. Wir wünschen uns einen schönen Tag und wahrscheinlich werde ich sie nie wieder sehen.

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Unzählige Busse mit Sochi 2014 Aufdruck suchen sich den Weg durch die Straßen. Sie pendeln ausschließlich für die Olympischen Gäste mit Eventtickets.

Fast den ganzen Tag verbringe ich in Sotschi-City. Laufe an prunkvollen Promenaden entlang und werfe einen Blick auf den Hafen. Wie der Zufall es so will, bin ich genau dann dort, als das olympische Feuer seinen Weg durch die Stadt findet. Die Menschenmassen hier und die jubelnden Fans lassen erstmals ein kleines Olympia-Fieber bei mir aufkommen. Vor der Live-Stage wartet eine ansehnliche Traube an Menschen auf die Sicherheitskontrolle. Ich kann nur erahnen, was mich morgen im Olympic Park erwarten wird. Ansonsten gibt es schöne Gebäude und Baustellen. Tolle Showrooms und viel Polizei. Die beiden McDonalds-Filialen, die ich streife, sind von jugendlichen Russen bevölkert. Wahrscheinlich gibt es Mc hier noch nicht so lange.

Nachdem ich einige Stunden durch die Stadt gelaufen bin, suche ich mir den Weg zurück zum Busbahnhof und steige in die 152 – sollte keine schlechte Wahl sein, wenn ich mit der Linie auch hergekommen bin.

Der Busfahrer fährt zwar nicht viel schneller, dafür aber um einiges Zielstrebiger. Unzählige Polizeiwagen und schwarze Limousinen rauschen mit Blaulicht an uns vorbei. Wie ich später erfahren soll, sind heute einige hohe Staatsoberhäupter gelandet. Rückwirkend schiebe ich die Action darauf. Der Bus ist randvoll und ich kann meine Augen kaum noch geöffnet halten.

Nach gut einer Stunde bin ich wieder im Bahnhof von Adler, dem „Vorort“ von Sotschi. Es geht durch eine (!) Sicherheitskontrollen und das letzte Stück zu Fuß. Die Sonne ist inzwischen wieder wie eine Dramaqueen über dem Schwarzen Meer untergegangen und das Neonlicht geleitet mich zum Hotel. Meinen Pass habe ich übrigens auch wieder und morgen wartet schon die offizielle Eröffnungsfeier auf mich.

Wenn ich diese Zeilen veröffentliche haben wir hier wahrscheinlich schon Freitag und ich teste mich noch durch die russischen Biersorten. Bier gehört hier übrigens erst seit kurzem zur Kategorie des „Alkohols“.


Tag 3 – Der Olympic Park


Am dritten Tag stand alles im Zeichen der Eröffnungsfeier. Nach dem Frühstück geht es auf den Weg zum Olympia Park. Der liegt einige Kilometer entfernt und ich entscheide mich für den Fußweg. Nach den vielen Metern vom Vortag nicht ganz unambitioniert. Der Weg führt mich auf der Karte eigentlich die ganze Zeit an der Küste entlang und ich folge überwiegend dem menschlichen Strom, der noch relativ überschaubar ist. Irgendwann finde ich mich jedoch in einer ungewohnt ruhigen Wohngegend wieder. Hier fliegen die Flugzeuge nur noch wenige 100 Meter über den Häusern, bevor sie auf dem Airport landen. Am heutigen Tag ist die Frequenz besonders hoch. Fast minütlich fliegen riesige Passagiermaschinen über meinen Kopf. Die Leere auf den Straßen verwirrt mich. Hin und wieder tritt eine Frau vor ihr Haus und schaut auf die Straße. Ich bin mir fast sicher, dass ich hier ohne Hilfe niemals zum Olympia Park finde. Ich wähle einen Weg, der mich nach meinem Gefühl zum Meer bringen sollte. Die wenig ausgebaute Straße führt in einer Serpentine auf einen kleinen Hügel und ich hoffe, von dort einen Überblick zu bekommen. Alles, was mir oben begegnet, sind Hunde und ein paar Russen, die scheinbar auf ihren Smartphones den Weg suchen. Die Straße führt auf der anderen Seite wieder hinunter und ich entscheide mich mal wieder zu fragen. Den am zielstrebigsten wirkenden Menschen hinter mir spreche ich an.

Er trägt Arbeitsklamotten und spricht gebrochen ein bisschen Englisch. Den Weg zum Stadion kennt er – er ist selbst auf dem Weg dorthin und ich soll ihm einfach folgen. Er stellt sich als Sergey vor und arbeitet im Olympia Park. Genauer konnte er es mir mit seinem Englischkenntnissen leider nicht erklären. Als er plötzlich von der Straße in eine Seitengasse abbiegt, bin ich überrascht und frage ihn, ob er sich sicher ist. Mit Händen und Armen spricht von einem „Short Way“ und es geht durch ein paar enge Gassen und Hinterhöfe, als sich plötzlich vollkommen unerwartet der gesamte Olympia Park vor unseren Füßen erstreckt.

Ich nutze die Chance, um schnell ein Foto zu machen und Sergey dreht ein Video mit seiner Kamera. Wir gehen eine verlassene und zugewachsene Straße hinunter. Überall liegt Hundekot und der Müll stapelt sich in den Büschen. Ein Mann steht mit seinem Auto auf der Straße und schneidet die Bäume. Als wir am Fuß des Hügels die Straße verlassen, stehen wir mitten auf einer Baustelle direkt vor dem Olympia Park. Sergey sagt, er geht direkt zum „Main Entrance“ und ich folge ihm. Immer wieder versuchen wir ein paar Sätze zu sprechen, die er meist in Russisch beendet. Des Öfteren entschuldigt er sich auch für sein schlechtes Englisch. Trotzdem danke ich ihm des Öfteren für seine Hilfe – natürlich hätte ich mich gerne viel intensiver mit ihm unterhalten. So erfahre ich nur, dass der Vater seines Uropas deutsche Vorfahren hat. Den ganzen Weg kaut er auf irgendwelchen Nüssen herum, während er die Schalen auf die Straße spuckt und den Plastikmüll der Verpackung einfach hinter sich wirft. Endlich am Eingang angekommen verabschieden wir uns. Seine Hilfe hat mir so unfassbar viel Zeit erspart, dass ich sehr glücklich bin. Mein Glück soll jedoch nicht von langer Dauer sein.

Mit meinem Ticket gibt es keine Chance auf einen Eintritt an diesem Eingang. Mehrere Helfer schauen mich hilflos an, andere mit Englischkenntnissen werden herbeigezogen und ich soll mich erst einmal akkreditieren. Der kleine Containerbau ist direkt gegenüber und auch dort versuchen sich mehrere freundliche Russen mit wenigen Worten an meinem kleinen Fall. Schlussendlich ist es eine ausgesprochen gut aussehende Russin mit kurzen Haaren und dunklen Locken, die mir in sehr gutem Englisch erklärt, dass es der Eingang für die Familien der Athleten ist und ich zu einem anderen gehen muss.Danach zieht sie sich kurz zurück und will alles lieber noch einmal checken. Sie kommt mit den Worten „Okay, i am back with some new information – but probaly the rightest ones!“ Schlussendlich muss ich den Zug vom Olympic Village nehmen und bis zur Haltestelle „Olympic Park“ weiterfahren. Das mache ich auch. Es ist die letzte Sicherheitskontrolle, die mich vom Park trennt. Eine wirklich absurde Situation, wenn Du die ganze Zeit am Olympia Park entlangläufst, aber erst einmal in den Zug einsteigen musst, um an der anderen Seite Zutritt zu bekommen. Irgendwie auch bezeichnend für die Weitläufigkeit des Landes.

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Am Olympia Park geht alles ganz schnell und in wenigen Minuten bin ich mit meinem Ticket auf dem Gelände. Es ist riesig und von allen Ecken tönt moderne Chartmusik. Neben den Stadien sind auch die Sponsoren und Partner mit eigenen Eventpoints vertreten. Da es aber erst 14 Uhr ist, ist hier nicht viel los. Die Getränke- und Snackstände öffnen sogar erst um 16 Uhr. Vorher gibt es Getränke nur an aufgestellten Automaten auf dem Gelände. Ich laufe etwas über unfassbar weitläufige Gelände und bin enttäuscht. Zwar ist alles superordentlich, aber die Architektur beeindruckt mich doch weniger als erwartet. Warum dafür so viele Menschen angeblich umgesiedelt werden mussten, bleibt mir mehr oder weniger ein Rätsel. Hier wirkt für mich alles mehr wie einige riesige Kirmes. Auch von der russischen Kultur ist hier nicht viel zu sehen. Es gibt Hot-Dogs, Crepes und Cola. Das habe ich mir anders vorgestellt und ich entspanne einfach etwas in der Sonne, suche offenes Wlan und mache ein paar unmotivierte Fotos.

Mit später Stunde und dem langsamen Sonnenuntergang füllt sich das Gelände endlich. Immer mehr Sportfans der verschiedensten Nationen tauchen auf dem Gelände auf. Verrückte Verkleidungen, gute Laune, Musik und viele bunte Farben beginnen den grauen Asphalt mit Leben zu füllen. An den Sponsorenständen starten die ersten Shows zur Unterhaltung. Einige davon sind sogar richtig gut und fett inszeniert. Meine Laune bessert sich. Als gegen 18:00 Uhr die Pilgerströme in Richtung Stadium einsetzen, bekomme ich erstmals dieses „olympische“ Gefühl. Dieses Gefühl ein Teil von einem großen Event zu sein. Die Laune steigt weiter, Menschen feiern. Zugang zum Stadion gibt es durch verschieden Gates. Sicherheitskontrollen gibt es auf dem gesamten Gelände keine mehr. Lediglich ein paar schwerer bewaffnete Polizisten und Soldaten tauchen von Zeit zu Zeit auf.[/one_half_last]

Mein Platz liegt im 6. Sektor. Fast ganz oben. Ich kann von hinten rechts auf die Bühne blicken. Die letzte Stunde bis zur Liveübertragung wird mit etwas Unterhaltungsprogramm überbrückt. Auch das bekennende lesbische Pop-Duo t.A.T.u tritt auf. Ein Statement? Es wird lediglich händchengehalten und nicht rumgeleckt. Schade!

Als es endlich losgeht, ist das Stadion immer noch nicht bis zum Rand voll. Überall lassen sich teils größere Freiflächen erkennen. Allein hinter mir ist fast eine halbe Reihe komplett unbesetzt.
Es folgt das typische Prozedere. Die Moderatoren heizen das Publikum ein, Bands treten auf und es werden Eröffnungsreden gehalten. Der nicht unumstrittene deutsche IOC Präsident Thomas Bach gratuliert Russland nicht nur zur außergewöhnlichen Leistung beim Errichten dieser Spiele, sondern hält auch ein teils durchaus kritisches Plädoyer für die Akzeptanz der menschlichen Vielfalt nicht nur während der Wettkämpfe, sondern auch außerhalb. Immer wieder befürwortet er den politischen Umgang mit Konflikten und Problemen. Alles mit mehr Diplomatischen als klar kritischen Worten. Vereinzelt gibt es großen Jubel dafür, generell reagiert das Publikum eher verlegen. Große Jubelstürme bei einigen ruft Staatsoberhaupt Putin mit seinen knappen Worten zur Eröffnung hervor. Ein großer Teil applaudiert jedoch nicht. Ich gehöre zum letzten Teil und schaue mir die Reaktionen des Publikums an.

Die nächsten Stunden vergehen gewohnt pompös. Es gibt viel Technik, tolle Choreografien und viel Show. Es ist langatmig, beeindruckend, faszinierend. Welcher Designer gerade auf einem LSD-Trip war, als er das Outfit der Athleten entworfen hat, weiß ich nicht. Jedenfalls sahen die Jungs und Mädels im Trainingsanzug im Flieger noch deutlich besser aus. Vom Feuerwerk sehe ich in der Halle zwar nicht viel, dafür spüre ich es, wenn das Stadion förmlich vibriert. Ein eigenartiges Gefühl.

Aber es gibt durchaus auch sehr große Momente – wenn das Stadion gemeinsam feiert. Zum Beispiel dann, wenn „Russia,Russia“ Sprechchöre erklingen und das Publikum die Athleten von Ländern gemeinsam feiert, die nur mit einer Handvoll Sportlern angereist sind. Aber auch der Moment, wenn die olympische Flamme durch die Halle geführt wird, um dann das olympische Feuer zu entzünden, hat eine gewisse Magie. So dabei zu sein wirkt in dem Augenblick unfassbar surreal, dass mir die Worte dafür fehlen.

Als die Show endet und das Stadion sich gegen 23:15 Uhr leert, habe ich ein komisches Gefühl. Irgendwie fühle ich mich wenig beeindruckt, bin aber trotzdem froh es einmal miterlebt zuhaben. Viel beeindruckender finde ich den Heimweg zu den Bussen und Bahnen. Eine Menschenmasse bestehend aus den unterschiedlichsten Nationen pilgert gemeinsam. Es wird laut gefeiert und gesungen. Fernsehsender fangen die Bilder ein und übertragen sie in die Welt. In diesen Augenblicken beginne ich die olympischen Spiele zu lieben.

Der Bus für den Heimweg ist bis zum Rand voll und die letzten Meter geht es zu Fuß zurück zum Hotel. Dort angekommen falle ich ziemlich müde ins Bett. Das Frühstück am nächsten Morgen soll ich dann übrigens verpennen …


Tag 3 – Lass uns in den Kaukasus fahren


Ich habe keine Ahnung, warum ich immer so ein Glück habe, aber irgendwie geht es schon mein ganzes Leben so. Auf den Höhepunkt getrieben hat es dieser Tag: Kurz vor der Eröffnungsfeier hatten Jens und Elena mir in kleiner Runde von dem geplanten Trip am Samstag erzählt und für mich klang das so großartig, dass ich sofort zusagte. Elena ist gebürtige Russin und wurde in Moskau geboren. Sie hat den waschechten Borussen Stefan geheiratet und lebt mit ihm und der gemeinsamen Tochter in Deutschland. Beide sind im selben Hotel quartiert und flogen ebenfalls von Frankfurt mit. Elena spricht fließend Russisch, Deutsch und hat diese warmherzige Art an sich, die nur unfassbar wenige Menschen haben. Ihr erkennbarer russischer Akzent unterstreicht diese Eigenschaft noch dezent. In irgendeiner Seitengasse von Adler hat sie am Tag zuvor einen Busfahrer mit Van aufgetrieben, der uns zu sechst ein wenig durch die Gegend fährt.

Punkt 12 Uhr brachen wir vom Hotel auf und fuhren aus Sotschi raus in Richtung kaukasisches Hinterland. Das verpennte Frühstück machte sich noch nicht bemerkbar, allerdings hing ich trotzdem etwas in den Seilen und hatte es mir in der letzten Reihe des weißen Vans gemütlich gemacht. Die Tour sollte den ganzen Tag füllen. Weinproben, Honigproben, Käseproben, etwas Kultur und der Besuch von ein paar Wasserfällen standen auf dem Plan. Von den Wasserfällen hatte ich im Reiseführer nur kurz gelesen und ließ mich wieder gewollt uninformiert auf alles ein. Unser Busfahrer Vitali entpuppte sich als liebevoller Weggefährte, der uns direkt zu Beginn von seinen eigenen Reisen erzählte. Er schwärmte von der englischen Sprache, die auf der ganzen Welt verstanden wird. Selbige beherrschte er deutlich besser als viele seiner Landsmänner. Vitali sendet in allem was er tut eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus und gehört damit zu einer absoluten Minderheit von Menschen, die ich kenne.

Wie ich das Geschehene von diesem Tag in Worte fassen soll, weiß ich einfach nicht. Der ganze Tag war eine so unfassbar großartige Bereicherung, dass ich Elena noch hundertmal für die Initiative dankte. Die Wein- und Konjakprobe ballerte mir dank fehlendem Frühstück direkt ins Hirn. Trotzdem schmeckte jede dieser hundertverschiedenen Sorten so unglaublich lecker, dass ich in dem kleinen Hinterhaus in irgendeinem abgelegenen kaukasischen Dorf ewig hätte weiter trinken können. Von Kirsch bis Schokolade war geschmacklich alles dabei. Wein ist in diesem Zusammenhang aber für mich eher als Schnaps zu verstehen!

Der gute Pegel stellte sich dann jedoch als beste Voraussetzung für die nächste Station heraus. Mit einem dieser bekannten alten russischen LKWs bretterten wir auf der Ladefläche sitzend durch das breite Flussbett am Fuße der Gebirge. Es wahr nicht nur ein Mordsgaudi, sondern auch eine Bestandsaufnahme für die Bildstabilisatoren in meiner Kamera. Ein paar blaue Flecken zog ich auch davon. Allein versicherungstechnisch ein Problem wäre solch ein Spaß in Deutschland wohl unvorstellbar. Der Motor qualmte, der Fahrer ballerte ohne Rücksicht über die riesigen Steine des Flussbetts, wir flogen fast über der Ladefläche und alle hatten riesigen Spaß. Vom Lautstärkepegel hatte ich wohl den meisten – hab ich mir sagen lassen.

Zwischenpause machten wir an einem mehrstufigen Wasserfall, der sich aus dem Berg den Weg in den Fluss bahnte und so unglaublich klar blaues Wasser präsentierte, dass die Winterspiele in weite Ferne rückten. Gemeinsam stiegen wir einige Meter am Fluss entlang in die Höhe und fotografierten das Naturschauspiel, bevor es mit dem LKW wieder mit Vollgas zurück zum Van ging.

Vor dem Heimweg ging es noch in eine kaukasische Lokalität samt Bühnenprogramm. Hier wurde nicht nur gegessen, sondern auch gefeiert. An einem mehr oder weniger normalen Samstag zwischen Einheimischen und Touristen. Ein „Moderator“ führte mit seinem Zeremonienstab durch das Programm, welches klassische kaukasische Musik mit Tanz und moderner Interpretation vermischte. Während das Publikum klatschte und ich noch darüber nachdachte, wie selten solch gemeinschaftliche Freude doch in unserem Kulturkreis ist, bewegte sich der größte Teil des Publikums bereits auf die Bühne und tanzte gemeinsam, nachdem der Moderator mit seiner Fellmütze dazu aufgerufen hatte. Allein über diesen Teil des Tages könnte ich noch Stunden erzählen, ohne alle Eindrücke verarbeitet zu haben. Knapp etwas mehr als eine Stunde brauchten wir von dort mit dem weißen Van wieder zum Hotel.

Auf den letzten Metern erzählte uns Vitali noch von einem alten russischen Sprichwort, welches wohl besagt, dass eine Reise nur dann gut war, wenn die Truppe am Ende auch mindestens ein Lied gesungen hat. Und so kam es, dass Vitali über seinen kleinen Tonverstärker auf einmal anfing, zu singen und wir gemeinsam ein paar kaukasische Strophen zum Besten gaben. Mehr oder weniger talentiert – hier rettete uns Elena. Als er fragte, was wir denn hören würden viel mir nichts Besseres als ein Queen-Zitat ein. Wenig später fuhren wir Yellow-Submarine singend gen Hotel. Sein letzter Vorschlag, bevor wir uns verabschiedeten, war es doch eine gemeinsame Band zu gründen und um die Welt zu reisen. Ein Vorschlag, der mir in diesem sehr seltenen Moment doch sehr verlockend vorkam.

Als ich schon wieder im Zimmer war und gerade meinen Laptop startete, klopfte es an der Tür. Elena und Stefan standen vor der Tür und hatten meine Kamera in der Hand. Ich hatte sie in der Euphorie doch tatsächlich im Bus liegen gelassen. Als Vitali sie entdeckte, drehte er um und brachte sie zurück ins Hotel. Womit sich meine anfängliche Einschätzung nochmals mehr als bestätigte. Für die gesamte Reise hatte Vitali irgendwas um die 10000 Rubel + Trinkgeld von uns bekommen. Allein die Kamera auf dem Rücksitz hatte allerdings einen Wert von 26000 Rubel. Vom persönlichen Wert der Bilder auf der Speicherkarte will ich gar nicht erst sprechen.

Schlussendlich endete der Abend irgendwann um ein oder zwei Uhr nachts in der Pizzeria gegenüber auf einzweidrei Bier, bevor sich eine Horde von sehr kommunikativen und bestens gelaunten Kanadiern niederließ. Über Frankfurt waren sie aus der Heimat eingeflogen und pünktlich zum ersten Wettkampftag angereist. Sie deckten mich mit Unmengen an goldenen Ansteckern ein und erzählten mir von ihren Outdoor-Rhodeo-Events. Immer wieder muss ich schmunzeln, wenn ich an diesen Augenblick denke. Eben einer dieser Momente, wenn die Olympischen Spiele für mich zu so viel mehr werden, als „nur“ ein riesiges Sportereignis mit großer Kommerzialisierung.


Tag 4 – Krasnaja Poljana und das Skispringen von der Kurzschanze


Sonntag. Der gestrige Tag hat tiefe Eindrücke hinterlassen und ich bin in Gedanken noch bei den vielen tollen Erfahrungen, als es nach dem Frühstück schon wieder weiter geht. Für den Abend habe ich ein Ticket fürs Skispringen in den Bergen und mein Plan ist dort schon früh anzureisen, um mir das Areal genauer anzuschauen. Gegen 13 Uhr mache ich mich auf den Weg und fahre erstmals mit dem Bus zum Bahnhof in Adler. Inzwischen habe ich etwas Übung und das Ganze passiert sehr reibungslos. Ohne Stativ im Rucksack bin ich auch zügig im Zug. Knapp 1 Stunde fährt dieser bis zur Haltestelle in Krasnaya Polyana und ich schlafe eine Weile. Die letzten Kilometer fährt der Zug an riesigen Hotelanlagen vorbei, die alle samt noch nicht fertig sind.

Relativ zielstrebig steuer ich auf die erste Gondel zu. Relativ schnell wird kurz vor dem Eingang klar, dass mein Plan leider nicht zu funktionieren scheint. Man sagt mir, dass ich mit meinem Ticket fürs Skispringen dort nicht hochkomme, sondern eine andere Gondel nehmen muss. Und zwar die in Esto-Sadok. Ich wunder mich über den Sinn, schließlich soll das da oben doch ein zusammenhängendes Gebiet sein und bewege mich zurück zur Bahn. Mehr als 45 Minuten Wartezeit. Darauf habe ich keine Lust und entscheide mich für den Bus. Auf dem Weg aus dem Bahnhof raus spricht mich einer der russischen Helfer an, ob er mir vielleicht weiterhelfen kann. Ich bin verwundert und irgendwie erstaunt. Scheinbar hat er mein sinnloses Umhergelaufe bemerkt. Ich erkläre ihm meine Lage und er sagt mir, ich müsse den Fluss überqueren und den Bus auf der anderen Seite nehmen.

[one_half]Natürlich folge ich seinem Rat und bewege mich wieder auf die andere Seite. Es geht hier um Distanzen von vielleicht ein bis zwei Kilometern und bisher kommt es mir sehr entgegen, dass das gesamte Gelände abgesperrt ist. Somit brauche ich nicht andauernd eine Sicherheitsschleuse passieren. Auf der anderen Seite angekommen wartet auch tatsächlich ein Bus. Da der Busfahrer absolut gar nicht versteht, was ich von ihm will, schaltet sich ein Passagier ein und erklärt mir, dass ich einen der Busse auf der anderen Seite nehmen muss. Ich ärger mich, aber es hilft mir nicht weiter.

Da ich inzwischen das Gelände verlassen habe, wartet eine Sicherheitsschleuse auf mich. Ich spiele mit dem Gedanken die 20 Minuten Fußweg bis nach Esto-Sadok einfach hinter mich zu bringen. Zur Sicherheit quatsche ich einen sehr jungen Volunteer an. Mit Biegen und Brechen verständigen wir uns und er entschließt sich mir den Weg einfach zu zeigen, als er von der Seite plötzlich von einer Russin mit Tochter vollquatscht, wird, die mich zwischendurch hastig fragt: „Where are you from? Germany! Great…“ ab da ging es auf Russisch weiter. Da ich die Angst hegte, sie will mir ihre Tochter andrehen, sagte ich zu meinem neuen Freund schon einmal „please, don’t translate“. Der lachte sich gerade aber schon kaputt, weil er wahrscheinlich gar nicht weiß, wie er das Feuerwerk an Wörtern dieser aufgeregten Russin ins Englische übersetzten soll.

Schlussendlich liäuft es darauf hinaus, dass ich für Radmila – so hieß die schüchterne Tochter der aufgeregten Mutter – einen Gruß an ihre Klasse und Lehrerin richten sollte, während ihre Mutter uns dabei mit der Videokamera vor den olympischen Ringen filmte. Macht man ja gerne – ein bisschen Germany representen! Danach ging es mit meinem frisch gewonnenen Volunteer Freund zügig durch die Sicherheitskontrollen und rein in den Bahnhof. In seinem Ziel mich pünktlich am Zug abzuliefern, vergaß er glatt die Wasserflasche in seiner Jacke. Sie musste also entsorgt werden. Kurz geflucht brachte er mich in den Zug, erzählte mir vom Feuerwerk der Eröffnungsfeier, welches er vor dem Stadion beobachtete hatte, und verließ mich, nachdem ein Deutsch sprechender Russe im Zug seine letzten Anweisungen an mich übersetzt hatte. Die 45-minütige Wartezeit hätte ich definitiv unspannender verbringen können.

10 Minuten später bin ich in Esto-Sadok. Der Bahnhof dort ist wirklich winzig. Dafür aber fast fertig. Ich gehe Richtung Gondel und will endlich mit meinem Ticket in die Berge. Doch der Tag scheint mich zu hassen.

Ab 18 Uhr funktioniert mein Ticket. Vorher gibt es keine Chance hochzukommen. Außerdem wär dort eh nicht viel. Ich bin verwirrt und genervt. Mit Keksen und Cola aus dem Supermarkt im Bahnhof vertreibe ich mir die Zeit. Meine Stimmung ist nicht die Beste an diesem Tag. Viel gesehen habe ich sowieso nicht. Als ich um 18 Uhr endlich hoch will, kommt es noch besser. Die Tickets funktionieren erst ab 18:45. Ich fange an mit der Security Russin dumme Sprüche zu klopfen und drohe mir das Event doch einfach im Hotel anzuschauen. Wir lachen viel und sie tut alles, damit die Stimmung der wartenden Gäste besser wird. Mit ihrem Kollegen, der leider nur halb so viel Englisch versteht wie sie, versucht sie einen Weg zu finden mich irgendwie früher hochzubekommen. But no chance. Also warte ich weiter. Wenn sie mich anschaut, fängt sie an zu lachen. Sie ist ganz enttäuscht, dass ich aus Deutschland komme und nicht aus Amerika, wie sie es erwartet hätte. Als es endlich losgeht, verabschiede ich mich bei ihr. Wir lachen beide und in der Gondel bin ich noch etwas begeistert, wie inspirierend und erfrischend auch diese Begegnung wieder war.

Oben angekommen verstehe ich auch endlich, warum eine frühere Auffahrt sich nicht gelohnt hätte. Außer der Schanze, Beton und Berg ist hier absolut nichts. Ich suche den Weg zur Bierbude und investiere dort meine Rubel-To-Go. Als es mit den Testsprüngen um Neunzehnuhr irgendwas losgeht, habe ich schon einiges an Bier in mir und der Abend nimmt einen unvorhersehbaren kommunikativen Verlauf…

ben-sotschi-sonntag-0099Von den angeblichen 150 Sprüngen sehe ich vielleicht 5 und einen Sturz. Das Letzterer Ausgerechnet einem deutschen Athleten passiert, ist bezeichnend für meinen Tag. Die meiste Zeit verbringe ich zwischen Toilette und Bierbude. Ansonsten stehe ich mit unseren deutschen Mitreisenden im Block A4. Ok, sie stehen dort, ich stehe irgendwo auf der Brüstung, schwenke die Fahne von Milos Willing und Mike Hribek und Feuer jeden Springer an. Irgendwann sind fast alle Toiletten gesperrt, weil sie scheinbar dem Ansturm der Massen nicht gewachsen sind und ich steh im polnischen Fannblock um ein paar Fotos zu machen. Von den kalten Temperaturen merke ich schon lange nichts mehr! Die Kekse, Salzstangen und Schokolade aus meinem Rucksack sponsor ich unserer deutschen Reisegruppe. Der Abend nimmt seinen bunten Lauf unter dem Einfluss von russischem Dosenbier. Ich lerne einen Brasilianer beim Pissen kennen und wir quatschen über die bevorstehende WM, mit Florian aus Davos rede ich an der Bierbude über St. Moritz und Punt Muragl. Er selbst ist mit der Schweizer Sportmannschaft angereist.

Als die Sprünge abgeschlossen sind, geht es auf den betonierten Serpentinen zu Fuß nach unten. Geschätzt muss ich drei Mal anhalten, um zu pinkeln, und unterhalte mich zwischendurch mit einer freudigen Polin, deren unaussprechlichen Namen ich nun als Notiz auf dem iPhone gespeichert habe.

Am Bus angekommen steht eine riesige Menschenmenge bereits vor den Türen. Im vorderen Teil entdecke ich eine dieser bunten Sotschi-Jacken und klopfe an die Scheibe. Ich mache diese Typische „you-me“ Handbewegung mit meinem rechten Zeigefinger und hoffe, dass die junge Russin mir den Platz neben sich freihält. Sie nickt. Stehen will ich heute auf keinen Fall mehr. Im Bus angekommen hat sie mir den Platz tatsächlich freigehalten und wir unterhalten uns bis zu ihrer Haltestelle.

Sie heißt Mascha und kommt aus Moskau. Für die Olympischen Spiele ist sie extra angereist und wird für ihre Arbeit vor Ort als helfende Hand bezahlt. Da ich überhaupt keine Alter schätzen kann, würde ich sie einfach als jung bezeichnen. Die Reisekosten muss sie selber zahlen. Auf meine Frage, ob sie stolz auf die Olympischen Spiele in ihrer Heimat ist, antwortet sie mit „nein“. Sie sagt, sie weiß, dass sie das sein sollte, aber in ihren Augen mussten dafür zu viele Opfer gebracht werden. Mit diesem Gedanken lässt sie mich zurück und steigt aus. Wir verabschieden uns und wünschen uns trotzdem schöne Spiele und eine gute Zeit.

Inzwischen hat sich der Bus geleert und ich ziehe mich in den hinteren Teil zurück. Dort sitzt auch der Rest meiner kleinen Reisegruppe. Auf den letzten Metern zu unserer Bushaltestelle sitze ich gegenüber von Roman. Auch er ist aus Moskau angereist, um zu helfen. Er ist einer der russischen Soft-Skill-Trainer, der seinen Landsleuten das richtige Verhalten für die Spiele beibringen soll. Sein Englisch ist viel schlechter als Maschas und ich muss viele Sätze wiederholen – was vielleicht auch an meinem Alkoholkonsum liegt. Ich stelle ihm dieselbe Frage nach dem Stolz. Er verrät mir, dass er seinen Urlaub opferte für die Spiele, während seine Frau nun alleine an die kalifornische Küste reise. Sie hat Verständnis dafür, dass er seinem Land helfen will, wenn die Welt zu Gast ist. Dabei gehabt hätte sie ihn aber doch lieber. Auch er ist nicht stolz auf die Spiele, will aber, dass sein Heimatland mit positive Erinnerungen bei den internationalen Gästen im Gedächtnis bleibt.

Als unser Bus endlich in Adler ankommt, sprinte ich die letzten Kilometer zum Hotel, denn ich muss schon wieder pinkeln. Und wenn ich eins an diesem Abend gelernt habe, dann, dass die Russen ein sehr heimatverbundenes Volk sind. Was ihnen mit Sicherheit auch niemand verübeln kann.


Tag 5 – Tschüss Sotschi – Es war schön mit dir!


Meine Zeit in Sotschi nähert sich schon wieder ihrem Ende. Die Zeit verging rasend schnell und ich hatte erwartet, dass es eine gute Zeit werden wird – das sie so gut werden würde, war mir allerdings nicht klar.

Wie üblich ist der Abreisetag mehr oder weniger für den Arsch. Also wird das Gepäck gepackt und noch etwas im Bistro am Strand abgehangen. Sotschi präsentiert sich noch einmal von seiner besten Seite und lässt die Sonne vor blauem Himmel scheinen. Gefühlt 20 Grad. Zeit fürs T-Shirt. Auf dem Schwarzen Meer will der ein oder andere sogar ein paar Delfine entdeckt haben. Zum Abschluss gönne ich mir noch eine Rundfahrt mit dem Riesenrad, welches nur wenige Meter von unserem Hotel steht. Knapp 5 Euro kostet die 10-minütige Spaßtour im Kreis mit Blick auf den Olympia-Park, das Meer und die Seitengassen von Sotschi-Adler. Ich habe 5 Euro mit Sicherheit schon schlechter investiert, doch die Temperatur in den Glasgondeln ist nicht ohne. Bezahlt wird das Ticket übrigens an einem kleinen gemauerten Haus, durch dessen Fenster eine alte Frau schaut. Fenster ist in diesem Zusammenhang ein Euphemismus. Der kleine Schlitz ist kaum größer als eine Postkarte.

Wenig später geht es auch schon mit dem Bus zum Aiport. Unzählige Sicherheitskontrollen warten und auch die Schuhe müssen hier ausgezogen werden. Ein extrem hässlicher Terminal empfängt mich. Überall liegt der Müll der letzten Gäste rum. Der erste Duty-Free-Store ist nicht einmal gefüllt. Inzwischen will ich nur noch nach Hause. Im Flieger ziehe ich mich für einige Minuten in die letzte freie Reihe zurück und mache mich lang. Dazwischen bearbeite ich ein paar Fotos, schlafe und höre Musik. Standard.

Mit meinem inzwischen geschärften Blick entdecke ich in Frankfurt nicht nur direkt 4 kaputte Rolltreppen, sondern auch drei zerstörte Toiletten.

Als ich irgendwann um 22 Uhr endlich zu Hause ankomme, umgibt mich sofort diese ganz seltsame Leere.Verwöhnt von den vielen Begegnungen und Eindrücken werde ich daran auch noch einige Tage zuzehren haben. Im Fernsehen nehme ich die Spiele nun auch erstmals wirklich wahr. Immer noch wirkt es total surreal, wenn ich mir vorstelle, dass ich erst vor wenigen Tagen noch selbst dort war.

Wenige Tage später sollen die beiden Rodler Tobias Wendl und Tobias Arlt, die mir bereits durch ihre ausgelassene Stimmung im Flieger auf dem Hinweg aufgefallen waren, gleich zwei Mal „Gold“ holen.

[infobox title=’Info‘]An dieser Stelle auch noch mal der Hinweis und das Dankeschön an den World Sponsor P&G, der uns zu den Olympischen Spielen in Sotschi eingeladen hatte![/infobox]