Worte sind schön. #fbm14

Nicht mal Hybrid bin ich hier. Textjunkie im Designblog.
Visuelles zieht euch an, doch um das zu bieten, muss ich in die Fundkiste gucken, die nichts mit mir zu tun hat. Oder Leute anhauen, die Dinge für mich tun. (Stichflamme z.B., die zeichnet großartig.)

Diesmal war ich, themenfern, aber hochoffiziell, auf der Buchmesse Frankfurt.
Und siehe da, es tat sich ein Verlag auf, der durch Design rockt.
Gerade erst war die Vorstellung der Electric Book Fair beendet, die Veranstaltung, auf der es viel um Design, aber wenig um Buchcover ging; um Barrierefreiheit, um ein politisches Statement, um eBooks.
Von da aus zu Groh Design zu gehen, in einer weißen Höhle zu verschwinden, Design aus Worten, auf totem Holz, das war schon irgendwie abgefahren.

Groh-Design-Waben

Und eine sehr feine Reihe aus feinstem ‚Nichts‘ machen sie auch. Kaufen ist keine Pflicht, aber ansehen will ich empfehlen.

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It's social, baby.

Hin und wieder passiert es, dass man auf einer Veranstaltung einen richtig coolen und sinnvollen Flyer in die Hand gedrückt kriegt. Zum Beispiel den von ebooxbox.

Die neuen Ideen und Kanäle um Social Media sprießen, gerade erst hat ello sich auf den Markt geschmissen und ich habe immer noch nicht rausgefunden, was das eigentlich soll. Schließlich war doch fast alles zu Anfang noch werbefrei und irgendwie hübsch.

ebooxbox hat mich aber angefixt, denn es ist für Kreative, obwohl es eigentlich gar nicht selbst kreativ ist. Logo und Design erinnern stark an die Xbox von Microsoft. Ein k.o.-Kriterium, wenn die Macher nicht so herzlich drüber lachen könnten – tun sie aber. Sehr laut sogar. Es war keine Absicht, sagen sie, das ändert natürlich nichts. Ist aber mal was Neues, Techniklook für Künstlerisches, das viel zu oft von der Übernahme von Analogem lebt.

screenshot-ebooxbox

Die Plattform soll alles machen, alles können, für die Produktiven und die, die konsumieren möchten. Es soll spreaden können, in alle Kanäle, es soll freigeben und verkaufen. Es ist einfach, intuitiv bedienbar und das, obwohl die Betaphase gerade erst angelaufen ist.

Die beiden sympathischen Jungs, sie schienen nicht so richtig darauf vorbereitet, dass ich Fragen nach Datenschutz und Finanzierungsmodell stellte. Wichtiger: Sie hatten trotzdem Antworten. Das war ein gutes, langes Gespräch, das hat sich echt angefühlt und nach Aufbruch. Wie das bei jungen Ideen eben sein sollte, damit sie überhaupt eine Chance haben.

Ich werde mir ebooxbox weiter sehr genau ansehen, teilhaben, mich jetzt einklinken um vielleicht etwas einbringen zu können.
Auch, weil sie den Schneid hatten auf der an manchen Ecken etwas angestaubten Buchmesse (der größten der Welt) aufzukreuzen und den Stand neben der SelfPub Area füllten, mir die Möglichkeit gaben von einer furchtbar langweiligen Veranstaltung zu fliehen :)

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Herbstlochtext.

‚In Aufbruchstimmung sein‘ ist so eine olle Hülse.
Wie wäre es mit…
’sich aufgebrochen haben‘?

Text Nr. 12 soll kein Politikum sein, auch wenn es davon niemals genug gibt. Wohlmöglich sind sie zu häufig, zu empört und zu kurzlebig. Wohlmöglich muss man das anders angehen, nicht darauf beharren und losgehen, in die Richtung, die gerade nicht völlig entgegen dem Bauchgefühl geht. Das fällt in die Kategorie “einfach mal machen”.

Hinein passen Dinge wie ein ziemlich furchtbar aussehendes Bild auf Leinwand klatschen; das bringt irgendwas, auch wenn das Resultat vielleicht lieber verbrannt werden sollte. Hinein passt auch eine Fremde einzuladen und beim Gespräch bis in die Nacht nicht zu versuchen den Faden im Blick zu halten; das bringt noch mehr, ist so schön unerwartet, wirft diesen netten Fakt ins Licht, dass verdammt viel unter ‘normal’ fällt. Hinein passt zu vergessen, welcher Tag ist. Hinein passt kündigen und sei es nur um die verdammte Schublade gegen die Wand zu schmeißen, wo sie fröhlich zerschellen und ignoriert liegen bleiben darf.

Was hier seit Anfang des Jahres zusammengetextet ist, hat Intention und Inspiration, selten klar voneinander abgegrenzt. Ob es hilft, unterhält oder nichts von beidem, sind ziemlich unklare Fragen. Ohne Antworten. Wenn es die gäbe, könnten wir es auch gleich lassen.

Denn keine Antworten zu haben, auf die großen Fragen, das ist – vielleicht – etwas, das weiter suchen lässt. Etwas, das eben nicht mit Druck nach vorn schiebt, sondern leicht und weit führt. Das mit dem Weg, der wenig Spuren aufweist, ihr wisst schon. Manchmal klappt das, manchmal ist es weniger denken und dadurch gar nichts überwinden müssen.
Ob nichts überwinden müssen nur eine andere Bezeichnung für Freiheit ist?

Im echten Leben gibt es genug Zwänge, genug wenns und genug abers. Im Kopf haben die nichts zu suchen.

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Wegwechsel.

Kennt ihr Juli Zeh?
Ich habe noch nicht ein einziges Buch von ihr gelesen, obwohl ein paar hier rum und auf to-do-Listen stehen. Es sind Auftritte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (Hartaberfair) und Interviews, zu Mutterschaft, aber auch zum Arbeitsmarkt, oder gleich beidem, die mich an ihren Lippen halten.
Sie fragte gerade, wie Autor*innen und Verlage mit Amazon und den Veränderungen im Buchmarkt insgesamt umgehen sollen. Kurz: “Regulieren oder laufen lassen?”

„Die Autor*innen sind gierig“ habe ich als Vorwurf in meiner kleinen netzaffinen Filterblase noch nie gehört. In dieser Blase ist es meist Konsens, dass das große Übel meist die sind, die groß verdienen und sich damit nicht zufrieden geben, nicht fähig sind, es dabei zu belassen oder neues Risiko zu wagen um ihr Vermögen nicht zu verlieren. Es geht meist um die, die auf den Tisch hauen, um neue Regeln zu bekommen, mit denen sie das alte Leben weiter führen können.
Namentlich wäre das dann wohl der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Doch das ist auch irgendwie Infostandlaufkundschaftstammtischmentalität. Will sagen: Nachgelabertes Unwissen um des Aufregers Willen.
Trotzdem sind in meiner Welt die Verwertungsgesellschaften das Problem, nicht die Künstler*innen. Da geht es nicht nur um die Aufteilung des Gewinns, sondern allem voran um die Aneignung von Rechten. Der aussichtslose Kampf befreundeter Autor*innen darum, die Hoheit über das eigene Urheberrecht zu behalten und dann der Sieg in einer für bekennende Raubmordkopierer*innen sehr kleinen Form (“in 10 Jahren kriege ich meine Rechte zurück”), dieser Kampf ist mir nicht nur im Gedächtnis geblieben, sondern tief in meinen Nerven verankert. Weil er im Gegensatz zu den freien Köpfen steht, die eh damit machen, was sie wollen, und den technischen Möglichkeiten als Nutzer*in eh zu tun, was man will.

Nun fordert Juli Zeh diese Verlage zum Handeln auf. Die, die gern zetern, und dass sie eigentlich auch nicht mehr tun als zetern, das hat sie deutlich ausgesprochen, sie verlangt mehr. Dass sie ihre und die Rechte derer verteidigen, die sie dafür bezahlen. Per se ist das keine schlechte Idee. Die Liste der Kritikpunkte an Amazon ist lang. Keine Abwiegelung. Doch ist Marktmacht nicht unbedingt etwas, das ich nicht auch all jenen vorwerfen möchte, die die verbliebenen Buchhandlungsketten füllen.
Amazon vergibt mehr Chancen und hat mehr Möglichkeiten. Amazon hatte wenig Angst und viel Innovation. Wer an diesem Punkt steht, nämlich beinahe unumgänglich zu sein, der sollte eben nicht nur auf Arschloch machen, sondern auch ein paar Dinge rocken. Dieser Riese, der tut beides. Immerhin.

Ich sage fast unumgänglich. Denn:
Gerade erst schrieb Amanda Palmer darüber, dass ihr Buch über Amazon nicht vorbestellt werden kann, da ihr Verlag Hachette sich gegenüber des Riesens und seiner Wünsche/Angebote/Erpressungen verwehrt. Weil sie darüber schrieb, wurde ich aufmerksam, dass es zu haben ist. Und kaufte es. Machbar ist das ganze also durchaus. Schuf in diesem Fall mehr Kontakt und mehr Trotz. Ich mag ja Trotz.

Das Netz, und ganz vorn dabei Amazon, hat unser Verhalten, das Kaufverhalten, aber auch den Umgang insgesamt, mit Kultur und Kreativität, so weit verändert, dass es sich überhaupt nicht mehr lohnt, darüber nachzudenken, wie wir zurückgehen könnten.

Also scheiß doch drauf. Wir könnten auch mal wieder was anderes versuchen. Ist eh meist ‘ne gute Idee.

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Eiswassereimer.

Zugegeben, die ALS Ice Bucket Challenge flackerte lange nur seicht an mir vorbei. Irgendein Trend, der auch auf Privatsendern lief.
Bei ALS handelt es sich um die Krankheit, die auch Stephen Hawking hat. So als prominentes Beispiel. Nicht heilbar. Grausig. Ursachen ungeklärt.

Langsam kommen die Kritiker*innen. Die kommen immer, wenn es Publikum gibt. Ich bin heute mal beides zugleich.
Ja, ich frage mich, ob die hochkant aufgenommenen, qualitativ anstrengenden Selbstdarstellungsvideos sein müssen. In der Masse. Aber ich muss sie mir ja nicht ansehen. Was ich so poste, ist möglicherweise für die meisten Menschen ebenso unsinnig, uninteressant, aber hoffentlich nicht kontraproduktiv.
Denn das ist die Challenge wohl am aller wenigsten: kontraproduktiv.
Selbst die, die nicht spenden, teilen die Links. Es geht weiter.
Nach halbwegs aktuellem Stand sind schon 80 Mio EUR gespendet worden. Nur an die ALS Association. Unzählige weitere Spenden an andere Organisationen, in Deutschland insbesondere an die Charité Berlin, aber auch teilweise an Organisationen, die wirklich gar nichts mit ALS zu tun haben, aber immer gemeinnützig sind, gar nicht mitgerechnet.

Folgendes Bild habe ich aus einem Social Network, ich habe keine Rechte daran, weiß nicht, in welcher Zeitung er stand – das wird auch aus den Personen, die ihn geteilt haben, nicht ersichtlich, daher packe ich ihn hier ohne Quellenangabe rein, auch wenn ganz sicher eine Zeitung/ein Verlag die Rechte daran hat.

Zeitungsartikel_Ice-Bucket-Challenge_Kritik

Fast schon witzig. Ich wollte keine direkte Konfrontation riskieren, da es so offensichtlich nur um den Aufreger ging und weniger um den Inhalt.
Aber, ernsthaft?
Leute, die für gemeinnützige Organisationen arbeiten, müssen auch Miete zahlen? Welch Schock!

(Die Tierversuchsargumentation klammere ich jetzt mal aus, mit einem Link nur zur Information.)

Die Ice Bucket Challenge ist Mobilisierung, die funktioniert. Das nehme ich erstmal so zur Kenntnis und freue mich für die, denen es hilft. Denn, was ehrenamtliche Arbeit zu leisten bedeutet, können viele von uns sich kaum vorstellen und was unheilbar krank sein bedeutet, das auch nicht.

Wenn ihr beim Spenden auch noch Spaß habt und Anerkennung bekommt, werde ich doch einen Dreck tun, das zu verurteilen. Weder der Weg noch das Ziel sind verwerflich.

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Awww, I like!

Wie auch immer es dazu kam (ich hatte keinen Facebook-Account zu dieser Zeit), ich sagte diesen Satz. Ständig. Away from keyboard, im sogenannten Reallife. Er verlieh meinem Wohlgefallen Ausdruck, dem Wohlgefallen, dem ich bei der Anekdote einer Kommilitonin erlag oder einer Spitze des Professors für Sprachkritik. Der Satz brachte kühle Anerkennung rüber, genau wie überdrehte Liebesanfälle, je nach Betonung.

Mittlerweile sage ich “Ich mag.” Nicht aus der Ablehnung von Anglizismen heraus, sondern wegen dieser großen sozialen Plattform, diesem Facebook. “Like” hat eingebüßt in den letzten Jahren. Ein “Like” bedeutet nichts mehr. Oder?

Ich las Artikel darüber, was sich im Newsfeed, in der Timeline von Facebook ändert, wenn man nichts oder gar alles mit ‚gefällt mir‘ votiert. Denn Algorithmen rocken, sind allerdings keine Menschen. Sie kommen nicht mal in die Nähe von emotionaler Auswahl (noch nicht), versauen mir meine Filterblase. Ich möchte gerade etwas anderes sehen und finde die Option, das ‚Like‘ vollständig wegzulassen, sehr interessant.

Was tut die Info, dass ein alter Bekannter mein Urlaubsfoto mag, mehr als seinen Voyeurismus und mein Ego kurzfristig zu befriedigen? So kurzfristig, dass es eher frustriert, wenn nicht mehr kommt, sofort, und noch mehr.
Auf der Pro-Seite stehen die Likes, auf die der Blick fällt, wenn die Werbekeule geschwungen wird. Doch auch hier bedeutet ein geteilter Link weit mehr als ein für viele unsichtbarer Daumen.

Als mir klar wurde, dass die kleine Geste nur schwer wiederzufinden ist, dass ich vergesse, was ich doch scheinbar mochte, da entschied ich mich das auch zu versuchen, das nicht-liken.
Was es mit dem Newsfeed macht, ist mir gar nicht so wichtig. Aber was sich an dem verändert, was ich für mich aus den Infos ziehe, die da kommen – langfristig – das juckt mich. Das will ich mir ansehen.

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Ich bin nicht überrascht.

Triggerwarnung: Rassismus, Gewalt

Nicht darüber, dass bestimmte Dinge im größten Social Network der Welt nicht geahndet werden. Es wirft mich viel eher in meinem Optimismus für die Menschen zurück, dass Sätze wie ‘alle vergasen’ und ‘schlagt ihr den Kopf ab’ überhaupt in der Masse fallen, als dass sie nicht zensiert werden. Vielleicht bin ich immernoch zu naiv, gestehe dem oftmals rechtspopulistischen Mist zu wenig Wirkung zu. Bin empört über die Verteidigung eines Sarrazin, eines Pirinçci, und nicht zuletzt über den Erfolg eines nicht nur schlechten sondern auch dummen Menschen wie dem Vorsitzenden der AfD.

Und dann ist da die WM. ‘Die’. Die Fußballweltmeisterschaft der Männer. 2002 verstand ich das mit den Fahnen noch nicht. 2006 hatte ich eine um die Hüfte gewickelt. 2010 hatte ich irgendwie Besseres zu tun und jetzt, ja jetzt bin ich ein wenig nervös, weil Hoyerswerda nicht allzu lang nach dem letzten Sieg war.

Die Fahne jagt mir ein bisschen Angst ein, in was gut gemeinte Feierei umschlagen könnte. Everything what makes people happy can’t be bad, can it?‘, sagt eine fragwürdige, da nicht besonders kritische Figur im Film ’Good’.

Ich habe mir nicht ein einziges Spiel angesehen. Ich finde diesen Sport durchaus nicht uninteressant, dieses Interesse reicht aber bei weitem nicht an andere heran.
Mir sind die schönen Szenen nicht verborgen geblieben, die Berichte von nichtdeutschsprachigen in deutschen Trikots (klingt nach Aneignung, mag ich), die gemeinsame Glückseligkeit von Menschen aller Hautfarben, aller Größen, aller Breiten, aller Geschlechter.
Mir sind nur eben auch nicht die anderen Szenen entgangen. Von denen, die flüchten mussten vor einem Mob, der aufdringlich wurde. Von denen, die ‚Sieg Heil‘ schon immer witzig fanden. Und am schlimmsten von denen, die sagen ‚Wir sind wieder wer‘. Weil die Nationalmannschaft der Männer eine Fußballweltmeisterschaft gewonnen hat. Im Land, das Exportweltmeister ist, in dem Primark auf dem Vormarsch ist. In dem derzeit niemand wegen Homosexualität ins Gefängnis kommt, wohl vielleicht aber eher bei einer bestimmten Hautfarbe.

Ich bin dem Hastag #mobwatch gefolgt.

Der Party-Patriotimus, wie freundlich kann der tatsächlich sein?
Wenn ich mein Land liebe, wie schnell verfalle ich in Abwehrhaltung, wenn Kritik aufkommt? Wo ist die Grenze?

Es geht nicht darum nicht zu feiern. Es geht auch nicht darum nicht die guten Seiten daran zu erkennen in diesem Staat leben zu können.
Es geht darum die eigenen Privilegien wahrzunehmen und dass es Probleme gibt.

Ich wünsche mir einen lauten aus tiefstem Herzen kommenden Satz von einem Menschen, dem zugehört wird. Nicht mir. Eher einem Siegtorschützen. Oder einem Nationaltrainer. Einem Nationalmannschaftskapitän. Einem Rekordtorschützen.

Ich wünsche mir, dass einer von denen, auf denen heute beim Empfang in Berlin die Massenaufmerksamkeit liegt, brüllt:

Rassismus ist scheiße!

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Das Alter, Alter.

Ich sah diesen Tweet, während ich mit einer alten Schulfreundin in dem Stammcafé meiner Jugend saß und das Getränk meiner Abizeit schlürfte. Während ich den Ausblick ertrug, den ich Jahre vorher noch genossen habe. Als ich 17 Jahre alt, war schon längst ‘ich muss hier weg’, aber trotzdem auch noch ‘zu Hause’. Jetzt bin ich 26 und woanders, woanders glücklich.

Das ist fast ein Jahrzehnt und es fühlt sich eigentlich schon seltsam genug an, dass das solch ein bewusstes Jahrzehnt war. Bin ich schon so alt? Seit wann ist mein Alter wichtig, nachdem doch eigentlich immer nur wichtig war volljährig zu werden um wirklich drauf scheißen zu können, was andere sagen, denn es lag ab da doch in meiner Macht. Als ich 17 war, war mein Standardsatz ‘Ich bin alt genug’. Alt genug um auszuziehen, alt genug um zu wählen, wie es mit der Schule, mit der Zukunft weiter geht. Alt genug sich die Rübe wegzukiffen und alt genug um zu weinen, zu sprechen, alles ernst zu meinen und nicht ausgelacht zu werden.
Beinahe alles davon hat funktioniert, die ganzen eigenen Entscheidungen. Und dafür gekämpft zu haben war gut, prägte, erleichterte, was kommen sollte. Nur nicht ausgelacht zu werden, das hat noch nie funktioniert. Erst nicht, weil ‘alt genug’ Ansichtssache zu sein scheint. Dann nicht, weil ‘alt genug’ zur Mahnung wurde, zum ‘dafür bist du zu alt’.

Was also macht dieser Satz mit mir? Die Freiheit einer 17-jährigen Person, die noch nicht erwachsen ist. Was macht es mit dem Leben, dass ich mir damals genommen habe und was heißt es für das Jetzt, in dem ich alt genug bin, aber nicht gedankentot. Immer noch so wild und frei, wie es eben geht, wenn die Miete gezahlt werden muss. Doch war das früher anders? Damals kamen die Ratschläge von den Eltern der Freundinnen, jetzt eben auch vom Finanzamt.

Der Satz, wie er da steht, um die Jugendlichkeit kämpft, um den Mist, den man als Minderjährige noch machen darf. Bedeutet das, dass wir danach unfehlbar werden? Das würde einige meiner Begegnungen erklären und vielleicht erklärt es sogar alles Nachtragen auf dieser Welt, alles Nichtverzeihen.

Wurde von mir anderes erwartet? Weniger? Wieso müssen wir, egal wie alt wir sind, laut dafür einstehen, dass wir Menschen sind, die nicht immer voll da sind, die nicht alles können, die viel und lange lernen müssen.

Ist es schlimmer geworden? In einem namhaften Discounter gibt’s die alljährlichen Schulmaterialien gerade günstig. Mein Mann legte mir das Werbeheft dazu auf den Schoß. Ich hatte ihm von meinen Gedanken dazu erzählt. In diesem Heft lachen die Kinder kaum, die bald (wieder) in die Schule gehen. Sie tragen Bluse und Krawatte, sie tragen Nerdbrille und Gelfrisur. Sie gucken überheblich, abwertend, genervt, denn die Eltern in ihrem Beisein wollen spielen, halten sie vom arbeiten ab.

Da ist keine Linie, ab der Menschen erwachsen sind. Ich glaube nicht, dass mir da jemand ernsthaft widerspricht. Mündigkeit ergibt sich durch völlig andere Dinge, Reflektionsvermögen, Erfahrung. Gerne auch mal in der einen Hinsicht und der anderen erst zehn Jahre später.
Doch die Idee zu bewerten und (was daraus folgt und es rückwirkend viel zu sehr legitimiert) sich bewerten zu lassen, die besteht. Die zieht sich durch alles, durch jeden Lebensentwurf. Und die ist Unsinn.

Dieser Text steht unter der Creative Commons Lizenz CC-BY-SA Kiane l’Azin


Umgangsform.

Achtung, dieser Text fällt auch unter den Titel “Eigenwerbung”.

Ich habe vor einer Woche mein Debüt veröffentlicht. Seitdem frage ich gerne mal nach Feedback, einfach um daran zu erinnern, dass ich doch außerdem nicht viel habe. Natürlich haben es ein paar Menschen gekauft, doch die meisten nehmen eben das Angebot an, erst zu lesen, dann zu entscheiden. Es ist ein Creative Commons Roman und ich stelle ihn zum Download zur Verfügung. Unentgeltlich.

Nun hat auf meine öffentliche Nachfrage hin jemand reagiert. Dem das Buch nicht gefiel.
Warum erzähle ich also von diesem Feedback und nicht von den vielen positiven Stimmen, von denen, die ganze Rezensionen (überwiegend überschwänglich) schrieben und wieviele Downloads es bisher gab? Ich erzähle von dieser bisher einzigen negativen Nachricht, weil sie gar nicht negativ war.

Ja, mein Text gefiel nicht. Es ist nicht schön gesagt zu kriegen, dass das Ergebnis von beinahe einem ganzen Jahr Arbeit nicht gefällt. Doch ich bin nicht so verblendet, dass ich das nicht erwartet hätte. Vielleicht hat es seinen Anteil, dass ich Nichtgefallen noch nicht allzu oft gehört habe, einer einzelnen oder einigen wenigen Stimmen nicht so viel Gewicht gebe um mich groß runterziehen zu lassen. Doch viel eher ist es etwas anderes, nämlich die Art wie mir diese Meinung mitgeteilt wurde.

Die Nachricht begann mit einer Entschuldigung. Mir wurde grob gesagt, dass der Text den Geschmack nicht trifft und der Stil schwierig ist. Die Nachricht schloss mit guten Wünschen ab, das es viele Leser*innen geben mag, mehr gutes Feedback und der Absender wusste zu schätzen, dass ich mein Ding mache.

Hier fließen die Dinge zusammen. Mein Ding, das ist es freizugeben. Und ich glaube, genau das ist der Grund, warum ich solch eine Nachricht bekommen konnte. Dass derjenige es sich runterladen konnte, mehr als nur die Leseprobe, nein, das ganze verdammte Buch. Dass er es sich ansehen konnte, blättern konnte um nach den ersten ungeliebten Seiten herauszufinden, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt. Die explizite Ansage, dass nach dem Lesen entschieden werden kann, ob es mehr wert ist als nur zugeklappt zu werden. Möchte er etwas zahlen, wenn ja, wieviel? Kann er das überhaupt?

Ich bat darum meine Arbeit zu finanzieren, wenn sie gefällt. Eine freundliche Mail mit einer Absage und guten Wünschen ist nicht das Schlechteste, das daraufhin passieren kann.

Es verbesserte die Grundstimmung, die Wahl zu haben.
Wir sind in Kontakt gekommen. Ich denke, ich verdanke das Creative Commons.

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Ausstellungstipp: Kevin McElvaney zeigt 'Agbogbloshie' in Hamburg + Interview

Mal wieder ein kleiner Veranstaltungstipp für alle Ausstellungsfans, die vom 6. bis 7. Juni in Hamburg sind und sich richtig gute Fotos ansehen wollen. Genau dann zeigt Kevin McElvaney seine faszinierenden Portraits aus Agbogbloshie. Über seine Serie hatten wir hier ja schon ausführlich berichtet und können jedem von Euch wirklich nur empfehlen, sich die Bilder anzuschauen. Die rund 40 ausgestellten Bilder zeigen erstmals auch dokumentarisches Beiwerk zu den Portraits und bisher unveröffentlichte Portraits der Serie. Neben Kevin ist auch sein Kontakt, der Aktivist und Journalist Mike Anane vor Ort und steht für Fragen und Interviews zur Verfügung. Der Eintritt ist frei!

Weitere Informationen bekommt ihr auch auf der Veranstaltungsseite auf Facebook.

Abgesehen davon, dass es sich um deine Arbeiten handelt. Wer und warum sollte man sich die Ausstellung ‚Agbogbloshie‘ in Hamburg anschauen?

Eigentlich soll sich Jede(r) die Ausstellung anschauen  denn es betrifft uns alle, was dort in Agbogbloshie (und anderen Teilen der Welt) passiert. Klingt zwar abgedroschen, aber dieser Müll und das ganze Problem findet seinen Ursprung hier in unserer westlichen/entwickelten Welt. Leider ist es so, dass wir uns nicht unbedingt genügend Gedanken machen, was nach unser Nutzungsdauer mit den Geräten geschieht und es passiert nach Entsorgung am Schrotthof nicht unbedingt das, was wir erwarten: ein ordentliches Recycling, obwohl wir dafür ja zahlen. Meine Ausstellung ist jedoch immer noch eine Bildausstellung – ich möchte über die Portraits zeigen, was dort mit den Menschen passiert und kann dabei nicht all zu wissenschaftlich werden. Ich hoffe die Bilder bleiben danach im Kopf und können auf eine andere Art etwas verändert, als das es zuvor der Fall war. Aber ich glaube, dass die Ausstellung so, wie sie in Hamburg startet, kein weiteres Mal zu sehen sein wird. Ich stelle hier auf 200qm aus und zudem wird Mike Anane, mein Kontakt aus Ghana, extra anreisen. Wer ihn befragen oder interviewen will, kann das nur an diesen Tagen tun. Das macht die Tage in Hamburg wohl am Speziellsten. Außerdem zeige ich Bilder, die zuvor nicht veröffentlicht wurden und es wird soetwas wie Installationen geben. Es wird hoffentlich genau so, wie ich meine erste Ausstellung haben möchte.

Die Ausstellung ist kostenlos für jeden Besucher, wieso sammelst du über den Eintrittspreis kein Geld für die Betroffenen in Ghana?

Zunächst möchte ich, das so viele Menschen wie möglich diese Bilder sehen und das Problem begreifen – dazu gehört für mich, dass eine solche Ausstellung kostenlos ist. Zudem haben Eintritts- oder Spendengelder für mich einen komischen Beigeschmack, gerade bei solchen Themen. Es ist z.B. auch so, dass ich mit meinem Partner Mike Anane (Umweltjournalist aus Ghana und Partner dieser Bildstrecke) nicht zum Spenden aufrufen werde. Die Besucher werden wahrscheinlich nach der Ausstellung denken „was kann ich jetzt tun?“ und so wäre es bestimmt einfach an den Ausstellungstagen Spendergelder einzusammeln. Wir werden diesem Gefühl jedoch im Rahmen der Ausstellung kein Ventil geben, im Sinne von „Jetzt spende ich und habe dann was getan“. Mike kämpft einfach zu lange an diesem Problem und es wird überall gesammelt und gespendet. Fakt ist jedoch, dass das Problem immer schlimmer wird, obwohl das jeder weiss und etwas dagegen tun will. Erkenntnis ist, dass wir nichts dagegen tun können… ach ne doch. Wir fangen nämlich besser hier bei uns selbst an und sorgen dafür, dass dieser Schrott dort gar nicht ankommen muss. Wenn wir die Quelle stoppen, brauchen wir hoffentlich bald nicht mehr den Leuten in Agbogbloshie helfen. Besser ist es, wenn die Besucher sich selbst dazu verpflichten, in Zukunft bessere/ weniger Produkte zu kaufen, mehr aufzupassen und vielleicht auch Druck auf Politik und Industrie ausüben. Das bringt am Ende mehr. Außerdem kann ich nicht die Verpflichtung eingehen, dass zu 100% am Ende das mit dem Geld geschieht, was ich versprochen habe… und solange das nicht geht, werde ich auch nicht die Hand aufhalten.

Was passiert mit den Bildern nach der Ausstellung?

Die Idee der Ausstellung ist wie gesagt, dass so viele Menschen wie möglich dieses Problem erkennen und etwas in sich ändern. Es wird Jedem möglich sein, die Ausstellung in seine Heimatstadt zu bringen. Mir ist es egal, ob das dann eine Galerie, ein Café, oder ein Bahnhofshäuschen ist – alles ist möglich. Das Göthe Institut möchte die Ausstellung z.B. in die USA bringen, Fairphone nach Amsterdam und Architekten aus Accra möchten jene Bilder sogar dort zeigen, wo das Problem leider auch noch nicht sehr bekannt ist: Ghana selbst. Ich bin gespannt, was dann finalig passiert und tatsächlich umgesetzt wird. Ich habe das Konzept nur hier und da kurz erwähnt und schon hat es seine Anhänger gefunden. Jede Person die dies hier liest, darf sich aber auch angesprochen fühlen. Ich investiere also einmalig in diese Ausstellung und hoffe, dass am Ende mehr Leute etwas ändern, als das es durch ein Buch möglich wäre und es die Presseerscheinungen getan haben.Ich werde mit dieser Ausstellung nichts verdienen, ganz im Gegenteil, doch im Keller möchte ich die Bilder auch nicht stapeln.

Wenn du dir etwas von deinen Besuchern wünschen könntest, was wäre das?

Kann mich da hinsichtlich einer nachhaltigeren Lebensweise nur wiederholen.Es ist aber natürlich auch so, dass das nicht das einzige Problem auf unserer Welt ist. Jeder von uns hat da irgendwo in sich drin bestimmt ein Thema, für das er brennt und das er umgesetzt sehen will. Das sollte jeder mal machen und dann haben wir irgendwann eine ganz tolle Erde auf der wir gemeinsam leben… also keine Ahnung, wünsche mir nichts Spezifisches. Da sind bestimmt noch ganz tolle Ideen in den Köpfen, die ich mir gar nicht ausdenken und wünschen kann. Die sollen einfach mal umgesetzt werden und am Liebsten für und nicht gegen etwas sein.

Wo kann man sich deine Agbogbloshie Portraits anschauen, wenn man es vom 6. bis 7. Juni nicht nach Hamburg schafft?

Kommt wie gesagt drauf an, wie und ob diese Ausstellung anschließend noch tourt. Am Einfachsten ist es da wohl, wenn man mich kontaktiert und einen Ort in seiner Nähe organisiert, wo die Ausstellung dann hinkommt. Da sind jetzt viele Stops in der Schwebe, doch genaue Daten kann ich noch nicht nennen bzw. einen Termin halte ich geheim. Hamburg wird aber glaub ich wieder dabei sein Ich werde über meine Kanäle informieren, wann und wo die nächsten Ausstellungstage sind.

Daten
6. bis 7. Juni
15:00 bis 21:00 Uhr
Warnholtzstraße 4, Hamburg